Der Wiener Kongreß 1814-1815: Das größte Diplomaten-Treffen der Geschichte
Quellen: Brockhaus; Meyers Lexikon; Stand: ca. 1890
Einleitung: Europa trifft sich in Wien
Der Wiener Kongreß war eine von den am Kriege gegen Napoleon I. beteiligt gewesenen Mächten zur Ordnung der europäischen Verhältnisse einberufene Versammlung, die vom September 1814 bis zum Juni 1815 in Wien tagte.
Die Zahlen: Ein Kongress der Superlative
Der Kongress dauerte etwa 9 Monate von September 1814 bis Juni 1815. Alle europäischen Mächte nahmen teil. Mehrere Monarchen waren vor Ort: Österreich, Rußland, Preußen, Dänemark, Bayern, Württemberg und Baden. Hunderte von Diplomaten reisten an, und es gab unzählige Feste.
Die Teilnehmer: Wer reiste nach Wien?
Die Monarchen
Kaiser Franz I. von Österreich war der Gastgeber. Kaiser Alexander I. von Rußland hatte große Ambitionen für Polen. König Friedrich Wilhelm III. von Preußen kämpfte um Sachsen. König Ludwig XVIII. von Frankreich wurde durch Talleyrand vertreten. Dazu kamen Christian VIII. von Dänemark, Maximilian I. von Bayern und Wilhelm I. von Württemberg.
Die großen Diplomaten
Klemens von Metternich führte auf dem Wiener Kongreß den Vorsitz. Hier übte er inmitten der sich bekämpfenden und durchkreuzenden Interessen einen herrschenden Einfuß aus. Er war Österreichischer Außenminister seit 1809 und machte Österreich zur Vermittlermacht. Er erhielt reiche Geschenke und Pensionen von fremden Mächten und wurde 1818 zum Herzog ernannt mit 60.000 Ducati Dotation.
Charles-Maurice de Talleyrand verstand es, sich in alle Verhandlungen einzudrängen. Als Botschafter Ludwigs XVIII. in Wien erfand er das Prinzip der Legitimität und schloß am 3. Januar 1815 die Tripelallianz mit Österreich und England. Er wollte Frankreich nicht zu schwach sehen.
Lord Castlereagh, britischer Außenminister, ging in das österreichisch-französische Lager über und verhinderte eine zu große Macht von Preußen und Rußland.
Karl August von Hardenberg, Preußischer Staatskanzler, verteidigte in den Verhandlungen des Wiener Kongresses die Ansprüche Preußens gegen unerwartete Angriffe von seiten Österreichs, Englands und Frankreichs und kämpfte für ganz Sachsen.
Wilhelm von Humboldt vertrat Preußen und kämpfte für eine nationale Einigung Deutschlands.
Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein war ohne amtliche Vollmacht als Vertrauensmann Kaiser Alexanders und Freund der preußischen Vertreter auf dem Wiener Kongreß. Er befürwortete vergeblich die Vereinigung ganz Sachsens mit Preußen.
Die Anreise: Wie reisten die Diplomaten?
Von Berlin nach Wien dauerte die Reise 1814 etwa 2 bis 3 Tage auf dem Landweg. Von Paris waren es 5 bis 7 Tage über den Rhein. Von London aus brauchte man 2 bis 3 Wochen per Schiff und Kontinent nach Wien. St. Petersburg war 3 bis 4 Wochen entfernt über Warschau. Aus Madrid reiste man 4 bis 6 Wochen über Frankreich. Von Rom waren es 2 bis 3 Wochen über die Alpen.
Monarchen und Adelige reisten typischerweise mit eigener Kutsche. Niedrigere Diplomaten nutzten die Postkutsche. Mietpferde dienten für eilige Boten. Diener und Boten gingen zu Fuß.
Das Fiasko: Napoleons Rückkehr
Am Abend des 5. März 1815 traf plötzlich die Nachricht in Wien ein, dass Napoleon Elba verlassen hatte. Napoleon landete in Frankreich und war am 7. März wieder in Paris. Am 25. März 1815 schlossen Rußland, Preußen und England ein neues Bündnis. Im Juni 1815 wurde die Schluβakte unterzeichnet. Am 18. Juni 1815 fand die Schlacht bei Waterloo statt.
Erst die Rückkehr Napoleons nach Paris beschleunigte den Abschluβ der Verhandlungen.
Die großen Streitpunkte
Die sächsische Frage
Preußen wollte ganz Sachsen. Bereits am 8. November 1814 hatte Preußen förmlich die Verwaltung von Sachsen übernommen. Aber Österreich, Frankreich und England waren dagegen.
Die polnische Frage
Kaiser Alexander wünschte das Herzogtum Warschau mit den alten russisch-polnischenProvinzen zu einem nationalen Königreich Polen zu vereinigen.
Die Tripelallianz
Als der Konflikt um Sachsen eskalierte, schlossen Österreich, Frankreich und England am 3. Januar 1815 eine Tripelallianz, der die kleineren Staaten beitraten. Es drohte sogar ein Krieg zwischen den Verbündeten.
Das Ergebnis: Europas neue Ordnung
Territoriale Gewinner
Österreich gewann Tirol, Salzburg, Venedig und die Lombardei. Preußen erhielt Westfalen, die Rheinprovinz und Teile Sachsens. England bekam Malta, Kapland, Ceylon und holländische Kolonien. Die Niederlande erhielten ein neues Königreich mit Belgien. Rußland erhielt das Herzogtum Warschau mit Einschränkungen.
Verlierer
Sachsen wurde geteilt mit dem Norden an Preußen. Frankreich wurde auf die Grenzen von 1814 zurückgesetzt. Dänemark verlor Norwegen an Schweden. Italien kam unter österreichische Herrschaft.
Der Deutsche Bund
Am 16. Oktober legten Österreich, Preußen und Hannover dem Fünfer-Ausschuß die sogenannten 12 Artikel vor, den Entwurf einer Bundesakte. Es gab 39 deutsche Staaten im Deutschen Bund mit Österreich als Präsident und Preußen mit großem Einfluβ.
Die Feste: Eine Menge glänzender Feste
Eine Menge glänzender Feste zog den Kongreß von seinen eigentlichen Aufgaben ab. Es gab Hofbälle im Palais Liechtenstein und in Schönbrunn, Bankette mit hunderten von Gängen, Maskeraden wie die Venetianische Nacht, und Konzerte mit Beethoven und Schubert.
Die wirtschaftlichen Auswirkungen waren enorm: Hotels waren überfüllt mit Extraqartieren, Restaurants waren rund um die Uhr geöffnet, Kutschen-Mietpreise verdreifachten sich, und es gab eine Knappheit an Personal wie Lakaien.
Die Schattenseiten: Korruption und Intrigen
Gentz erhielt seit dem Wiener Kongreß mehr als 60.000 Mark jährlich. Er war Schlesier und Schriftsteller, Sekretär Metternichs, und schrieb die Manifeste der Mächte. Er wurde von Österreich, Rußland und England bezahlt, alle gleichzeitig.
Metternich versäumte nicht, seinen Privatvorteil wahrzunehmen, und erhielt von fremden Mächten reiche Geschenke. Von Rußland bekam er eine Pension, von Neapel das Herzogtum Portella mit 60.000 Ducati, und von Spanien den Titel eines Grande mit Herzogtum.
Reisezeiten: Wien 1814-1815
Von Berlin nach Wien waren es etwa 580 Kilometer, was 1814 etwa 2 bis 3 Tage dauerte, 1890 nur noch etwa 8 Stunden. Von Paris waren es etwa 1.050 Kilometer, 1814 etwa 5 bis 7 Tage, 1890 nur noch etwa 14 Stunden. Von St. Petersburg waren es etwa 1.700 Kilometer, 1814 etwa 3 bis 4 Wochen, 1890 nur noch etwa 36 Stunden. Von London waren es etwa 1.400 Kilometer, 1814 etwa 2 bis 3 Wochen, 1890 nur noch etwa 24 Stunden.
Kosten einer Wien-Reise 1814
Eine Kutsche von Wien nach Paris zu mieten kostete 300 bis 500 Gulden. Ein einfaches Hotelzimmer pro Nacht kostete 3 bis 5 Gulden, ein Luxushotel 20 bis 50 Gulden. Hofball-Kleidung kostete 100 bis 500 Gulden. Für zwei Wochen konnte man mit Gesamtkosten von 500 bis 2.000 Gulden rechnen. Zum Vergleich: Ein Arbeiter verdiente damals etwa 100 bis 200 Gulden pro Jahr.
Fazit: Der erste internationale Kongreß
Der Kongress dauerte 9 Monate von September 1814 bis Juni 1815 mit allen europäischen Großmächten als Teilnehmer. Das Ergebnis war eine europäische Friedensordnung für 100 Jahre, erreicht durch Diplomatie statt Krieg. Als Nebenprodukt gab es einen Wirtschaftsboom in Wien.
Die Schluβakte des Wiener Kongresses wurde am 8. Juni 1815 unterzeichnet, aber erst nach dem Sturz Napoleons bei Waterloo am 18. Juni konnte der Friede dauerhaft gesichert werden.
Quellen: Brockhaus, Meyers Lexikon, ca. 1890; Stand: 2026