Die Grand Tour: Die Bildungsreise der europäischen Oberschicht
Quellen: Brockhaus, Artikel „Reisen” (Bd. 12, S. 746-748); Stand: ca. 1890
Was war die Grand Tour?
Die Grand Tour, französisch für „große Reise”, war eine ausgedehnte Reise durch Europa, die im 17. und 18. Jahrhundert zur Bildungserziehung der jungen Oberschicht gehörte. Diese Lustreisen des 16. und 17. Jahrhunderts bewegten sich auf den belebtesten Landstraßen zwischen den großen Städten. Da das Reisen teuer war, konnten sich nur die materiell bevorzugten Stände diesen Luxus gestatten.
Die Anfänge: Reisen als Bildungserlebnis
Antike Vorbilder
Schon in der Antike reisten Philosophen und Gelehrte zu Bildungszwecken. Aristoteles benutzte die Feldzüge seines großen Schülers Alexander, um im fernen Osten Erkundigungen einzuziehen und Beobachtungen sammeln zu lassen.
Humanistische Bildungsreisen
Im 15. und 16. Jahrhundert unternahmen Humanisten und Gelehrte Studienreisen nach Italien. Konrad Petinger, Altertumsforscher und Humanist, trat nach der üblichen italienischen Bildungsreise 1490 in die Dienste seiner Vaterstadt.
Das 17. und 18. Jahrhundert: Blütezeit der Grand Tour
Die klassische Route
Die typische Grand Tour führte durch mehrere europäische Länder. Deutschland durchzog man als Heimatland. In Frankreich suchte man Kultur, Sprache und Höflichkeit zu erlernen. Italien zog die Reisenden an wegen seiner Antike, Kunst und Architektur. Die Niederlande besuchte man für Handel und Gelehrsamkeit. Schließlich reiste man nach England, um Verfassung und Parlamentsdebatten zu studieren.
Was man besichtigte
Lord Bacon empfiehlt in seinen Schriften als sehens- und beachtenswert: Fürstenhöfe, Gerichtshöfe, Kirchen und Klöster, Wälle und Befestigungen, Häfen und Flotten, Altertümer, Hochschulen und Disputationen, öffentliche Gebäude, Waffensammlungen, Schauspiele, Schatzkammern und anderes mehr.
Was man vermied
Bemerkenswert ist, dass Naturgenuss in diesen Empfehlungen nicht erwähnt wird.
Reisezeiten und -dauer
Typische Dauer
Im 17. Jahrhundert dauerte die Grand Tour für gewöhnlich zwei bis fünf Jahre. Im 18. Jahrhundert verkürzte sie sich auf ein bis drei Jahre.
Reisearten
Man reiste auf verschiedene Weisen durch Europa. Zu Wagen reiste man komfortabel, aber langsam. Zu Pferd war man schneller und abenteuerlicher unterwegs. Für Überseereisen nahm man Schiff.
Begleitung und Tagebücher
Die typische Reisegesellschaft
Die Begleiter der Fürsten und Edeln führten Tagebücher, die vielfach unter dem Titel „Mentor” und „Fidus Achates” veröffentlicht wurden. Diese Literatur bediente sich eines schwülstigen, blumenreichen Stils und wagte in den ärgsten Übertreibungen, die Reise eines jungen Fürsten von Deutschland nach Frankreich und Norditalien mit den Irrfahrten des Odysseus oder mit den fabelhaften Taten des Hercules zu vergleichen.
Deutschland als Ziel und Ausgangspunkt
Deutsche Fürsten auf Reisen
Unter den Wallfahrtsorten im 15. Jahrhundert zeichneten sich Jerusalem, Rom, Loreto, Compostella, Wilsnack, Einsiedeln, Aachen und Trier besonders aus.
Herzog Friedrichs Englandreise 1592
Besonders bekannt wurde die Badenfahrt, welche Herzog Friedrich zu Württemberg 1592 nach England verrichtet hat. Rathgeb und Schickhardt beschrieben diese Reise, die 1602 in Tübingen veröffentlicht wurde.
Rousseau und die Wende zur Natur
Jean-Jacques Rousseau
Noch nachhaltiger wirkten das Beispiel und die Schriften Jean-Jacques Rousseaus. Schon in seinem 16. Jahre wanderte er zu Fuß durch die Savoyer Alpen. Seinen Empfindungen über den Genuß einer Alpenreise zu Fuß gab er wiederholt den lebhaftesten Ausdruck.
Rousseau über die Berge
Er war erstaunt, dass die Bäder in heilsamer und wohlthuender Gebirgsluft nicht unter die größten Heilmittel der Medizin und Moral gehören. Dieses Zitat wurde vielfach in der Grand-Tour-Literatur aufgegriffen und trug maßgeblich zur Popularisierung der Alpenreise bei.
Die Alpenreise wird Mode
Vor Rousseau
Einzelne Wissenschaftler und Naturfreunde bereisten schon früher die Alpen. Johann von Watt, auch Vadianus genannt, unternahm 1518 die erste Pilatus-Besteigung. Ägidius Tschudi bereiste 1523 die Schweiz und überstieg verschiedene Pässe. Konrad Gesner war ein begeisterter Alpenfreund und Botaniker im 16. Jahrhundert.
Der Beginn des Massentourismus
Nach Rousseau setzten berühmte Deutsche die Tradition fort. Ihm folgten 1775 Goethe und die Brüder Stolberg und eröffneten den bis jetzt stetig anwachsenden Strom von Reisenden, die Erholung und Genesung in den Bergen suchten.
Goethe in Italien
Die Italienische Reise
1786 bis 1788 unternahm Johann Wolfgang von Goethe seine berühmte Reise nach Italien. Diese Reise wurde zu einem der bedeutendsten Dokumente der deutschen Reiseliteratur und prägte das Bild Italiens für Generationen von Bildungsreisenden.
Goethe und Schiller
Die Freundschaft zwischen Goethe und Schiller entstand auch durch gemeinsame Reiseerfahrungen und -pläne. Beide Dichter tauschten sich intensiv über ihre Reiseeindrücke aus und planten gemeinsame Reisen, die jedoch erst später verwirklicht wurden.
Lessings Bildungsreise
Der gelehrte Reisende
Lessing sollte als Reisebegleiter eines jungen Leipziger Patriziers namens Winkler zu Ostern 1756 eine auf drei Jahre berechnete Bildungsreise nach den Niederlanden, England, Frankreich und Italien antreten. Diese Art der Bildungsreise mit einem gelehrten Begleiter war typisch für das 18. Jahrhundert.
Lessing in Europa
Gelehrtenreisen
Gelehrte und Wissenschaftler reisten, um Bibliotheken zu besuchen, Gelehrte zu konsultieren, Sammlungen zu studieren und Experimente zu beobachten. Diese Praxis reichte bis in die Antike zurück, als Aristoteles die Feldzüge seines großen Schülers Alexander nutzte, um im fernen Osten Erkundigungen einzuziehen und Beobachtungen sammeln zu lassen.
Das Ende der klassischen Grand Tour
Die Französische Revolution und Napoleonische Kriege
Die Wirren der Französischen Revolution ab 1789 unterbrachen die klassische Kontinentalreise. Die Napoleonischen Kriege von 1803 bis 1815 machten Reisen durch Europa endgültig gefährlich und unsicher.
Die Eisenbahn
Mit dem Aufkommen der Eisenbahn ab 1830 veränderte sich das Reisen grundlegend. Was früher Tage dauerte, schaffte man nun in Stunden. Die Reise wurde günstiger und damit für breitere Schichten zugänglich. Gepolsterte Sitze machten das Reisen komfortabler, und regelmäßige Verbindungen machten es alltäglich.
Von der Grand Tour zur Sommerfrische
Die Entwicklung
Im 17. Jahrhundert war die Grand Tour für Adel und reiches Bürgertum reserviert. Das 18. Jahrhundert brachte die Bildungsreise für Gebildete. Von 1790 bis 1830 war das Reisen durch die napoleonischen Kriege unterbrochen. Von 1830 bis 1870 entwickelte sich die Sommerfrische für das Bürgertum. Ab 1870 begann der Massentourismus, der nun breite Schichten der Bevölkerung erreichte.
Literarische Zeugnisse
Reiseberichte der Grand Tour
Zahlreiche Reiseberichte aus der Zeit der Grand Tour sind erhalten. Erwähnenswert sind der „Ulysses saxonicus” von Sagittarius aus dem Jahr 1621, der „Brandenb. Ulysses” von S. von Bircken aus 1609 sowie die „Badenfahrt nach England” von Schickhardt aus dem Jahr 1602.
Reisehandbücher
Reichards „Guide des voyageurs en Europe” von 1793 und sein „Passagier auf der Reise in Deutschland, in der Schweiz, zu Paris und Petersburg” von 1801 haben über ein halbes Jahrhundert ihr Ansehen behauptet. Das Handbuch erlebte 19 Auflagen, die letzte 1861 in Berlin erschienen.
Die Schweiz als Ziel
Frühe Touristenziele
Die Schweiz wurde im 18. Jahrhundert zum Inbegriff der Naturreise. Der Rigi galt als erstes alpines Tourismusziel. Chamonix besuchte man seit 1741 wegen der beeindruckenden Gletscher. Der Pilatus war seit 1518 ein traditionelles Ziel für Bergwanderer.
Johann Jacob Scheuchzer bereiste seit 1702 fast jährlich, zuerst mit mathematischen und physikalischen Instrumenten versehen, die Alpen. Seine wissenschaftlichen Beobachtungen trugen wesentlich zur Erforschung der Alpen bei.
Die Erschließung der Alpen
Gebirgsvereine und Extrafahrten
In dem Maße wie die Verkehrsverhältnisse in den letzten Jahrzehnten besser und bequemer geworden sind, hat das Reisen zugenommen. 1863 begann die Gründung von Gebirgsvereinen. Durch die Einführung von Extrafahrten und Vergnügungsreisen sind die Verkehrsanstalten veranlaßt worden, verschiedene Erleichterungen zur Verbilligung der Reisen eintreten zu lassen.
Quellen: Brockhaus, Artikel „Reisen” (Bd. 12, S. 746-748); Meyers Lexikon; Stand: ca. 1890