Der Reisezug: Von der Eisenbahnfahrt zum Luxus-Schlafwagen
Quellen: Brockhaus (Band 4, S. 904-905); Meyers Lexikon; Stand: ca. 1890
Die Eisenbahnwagen im 19. Jahrhundert
Nach ihrer Bestimmung zerfallen die Eisenbahnwagen in Personenwagen zur Beförderung von Reisenden, Postwagen für Briefe und Pakete, Gepäckwagen für Reisegepäck und Güterwagen für den Warentransport.
Personenwagen: Die Klassen
Das Coupé-System
Bei den Personenwagen unterscheidet man das Coupé-System mit drei bis sechs von der Seite zugänglichen Abteilungen. Die erste Klasse bot gepolsterte Sitze, die zum Bett ausgezogen werden konnten, mit gepolsterten Seitenteilen. Die zweite Klasse hatte gepolsterte Sitze, die zum Schlafen ausziehbar waren. Die dritte Klasse verfügte über nicht gepolsterte Holzbänke. Die vierte Klasse hatte oft nur Stehplätze ohne Sitze.
Das Interkommunikations-System
Das besonders bei den amerikanischen Bahnen angewandte Interkommunikations-System hatte einen in der Mitte befindlichen Gang, an dessen beiden Seiten die Sitzplätze angebracht waren.
Der Korridorzug
Eine neue Art Personenwagen mit Coupé-Abteilung und Interkommunikation durch einen Seitengang wurde von Heusinger von Waldegg konstruiert.
Schlafwagen und Salonwagen
Der Schlafwagen
Schlafwagen boten Liegeplätze für Nachtreisen, Abteile mit Betten und Zugpersonal zur Betreuung. Die oft mit großem Luxus ausgestatteten Salon- und Schlafwagen verwendeten luxuriöse Polsterung mit Edelhölzern und Samt, oft mit eigenem Zugang.
Pullman-Hotelwagen
Die besonders auf den größeren amerikanischen Eisenbahnen eingeführten Pullmanschen Hotelwagen revolutionierten den Luxus im Zug.
Die Heizung der Eisenbahnwagen
Entwicklungsgeschichte
Wärmflaschen waren earliest und erwiesen sich als unzureichend. Ofenheizung war verbreitet, aber platzraubend und ungleichmäßig. Luftheizung war in Österreich üblich und gut bei sorgfältiger Behandlung. Preßkohlenheizung in Preußen war aufwendig und unpraktisch. Dampfheizung war die neueste Methode, sicher und gleichmäßig.
Die Dampfheizung
Der gewöhnlich der Lokomotive entnommene Dampf wurde durch unter dem Wagen liegende eiserne Rohrleitungen nach den Heizcylindern geführt.
Temperaturvorschriften
Auf den preußischen Staatsbahnen wurden in der Zeit vom 1. Oktober bis Ende April sämtliche Personenzüge geheizt, wenn die Lufttemperatur unter plus 5 Grad Réaumur sank. Die Wärme im Innern des Wagens sollte im allgemeinen plus 8 Grad Réaumur betragen.
Die Beleuchtung
Die Erleuchtung der Personenwagen erfolgte durch Öl, Petroleum, Gas, und in neuerer Zeit auch durch Elektrizität.
Amerikanische Besonderheiten
In Amerika entwickelte George Pullman den Luxus-Zug. Seit einiger Zeit wurden auch in Deutschland vierachsige Wagen für den Personen- und Postverkehr gebaut.
Exotische Zugwagen
Die fahrende Kirche
In Rußland wurden neuerdings fahrbare Eisenbahnkirchen hergestellt. Es sind dies vierachsige, höchst elegant ausgestattete Wagen mit vollständiger Kircheneinrichtung.
Fahrbare Schulen
Während des Baues der Transkaspischen Eisenbahn wurden Eisenbahnwagen zur Abhaltung des Gottesdienstes und des Schulunterrichts für die beim Bau beschäftigten Beamten und Arbeiter eingerichtet.
Geschwindigkeit und Komfort
Entwicklung der Geschwindigkeit
1825 erreichte die erste Eisenbahn in Stockton-Darlington etwa 10 Kilometer pro Stunde. 1829 schaffte Stephensons Rocket etwa 30 Kilometer pro Stunde. 1835 fuhr die erste deutsche Eisenbahn ähnlich schnell. Um 1890 waren Schnellzüge mit 60 bis 80 Kilometern pro Stunde unterwegs.
Schnellzüge um 1890
Anschlussverbindungen zwischen Paris und London über Calais wurden durch die sogenannten Klubzüge und Schnelldampfer binnen etwa 8 Stunden vermittelt.
Der Alltag im Eisenbahnwagen
Typische Zugreise um 1890
Die erste Klasse war gepolstert mit separatem Raum. Die zweite Klasse bot gepolsterte Sitze im gemeinschaftlichen Abteil. Die dritte Klasse hatte Holzbänke und war oft überfüllt. Die Versorgung erfolgte an Stationen oder durch Service.
Die Eisenbahnwagen der dritten Klasse waren nicht gepolstert. Die der vierten Klasse enthielten meist keine Sitzplätze und waren gewöhnlich nur von den Stirnwänden aus zugänglich.
Postwagen und Gepäckwagen
Die auf den meisten Bahnen laufenden besonderen Postwagen dienten zur Beförderung der Briefe und Pakete. Die Gepäckwagen dienten zur Beförderung des Reisegepäcks.
Technische Details
An den Kopfschwellen befinden sich elastische Vorrichtungen, Puffer, um die Stöße beim Anschließen der Wagen abzuschwächen. Von 180.873 Güterwagen auf den Eisenbahnen des Staates New York sollten in Gemäßheit eines Gesetzes vom Jahre 1884 bereits 35.473 mit selbsttätigen Kuppelungen versehen sein.
Die Zukunft um 1890
Dampfheizung wurde Standard. Elektrische Beleuchtung setzte sich durch. Vierachsige Wagen boten mehr Komfort. Durchgangswagen wurden normal. Luxusliner-Züge für Transkontinentalstrecken kamen auf.
Quellen: Brockhaus, ca. 1890; Stand: 2026