Wallfahrten und Pilgerreisen: Heilige Wege durch die Jahrhunderte
Quellen: Brockhaus (Band 16, S. 484); Meyers Lexikon; Stand: ca. 1890
Was ist eine Wallfahrt?
Wallfahrten sind feierliche Gänge oder Reisen nach heiligen Stätten, um dort zu beten oder ein Gelübde zu erfüllen. Die Ansicht, dass das Gebet an einem bestimmten Orte wirksamer sei als anderswo, ist uralt. Griechen und Römer unternahmen schon Reisen nach fernen Tempeln.
Wallfahrten im Heidentum
Germanische Tradition
Die alten Germanen unternahmen sogenannte Waldfahrten nach heiligen Hainen. Diese Form der Pilgerschaft war eng mit der Verehrung von Natureichen und heiligen Plätzen verbunden.
Griechisch-römische Welt
Die Antike kannte vielfältige Pilgerfahrten: Pilgerreisen zu Orakeln wie Delphi und Dodona, Wallfahrten zu Tempeln des Aesculap und der Isis, sowie Kultfeste an heiligen Stätten.
Jüdische Pilgerreisen
Die Juden kannten seit alters die Pilgerfahrt zu den hohen Festen nach Jerusalem. Drei Wallfahrtsfeste bestimmten den jüdischen Kalender: Passah, Wochenfest und Laubhüttenfest.
Christliche Wallfahrten
Anfänge im 4. Jahrhundert
In der christlichen Kirche wallfahrtete man namentlich seit dem 4. Jahrhundert zu den Gräbern der Märtyrer. Ein entscheidender Moment war die Reise der Kaiserin Helena, Mutter Konstantins. Die heilige Helena zog zum Grabe Jesu nach Jerusalem, und ihr Beispiel fand viele Nachahmer.
Pilger und Wallbrüder
Die Wallfahrer nach Jerusalem und anderen entfernten Orten hießen Pilger, vom lateinischen peregrinus meaning Fremder und Wanderer, oder Wallbrüder in der deutschen Bezeichnung.
Die großen Pilgerstraßen
Der Jakobsweg nach Santiago de Compostela
Der Camino de Santiago war neben Rom und Jerusalem das dritte große Pilgerziel. Unter den Wallfahrtsorten im 15. Jahrhundert zeichneten sich aus: Jerusalem, Rom, Loreto, Compostella, Wilsnack, Einsiedeln, Aachen und Trier. Deutsche Pilger reisten oft über Köln nach Aachen oder Trier, oder von Mainz nach Worms.
Die Pilgerfahrt nach Jerusalem
Jerusalem war das wichtigste Pilgerziel der mittelalterlichen Christenheit. Die Pilgerreise ins Heilige Land war mit erheblichen Gefahren verbunden: monatelange Seereise auf dem Mittelmeer, Räuber zu Lande und zu Wasser, Krankheiten und Seuchen an Bord, Konfrontation mit Muslimen, und hohe Kosten für Überfahrt und Ausrüstung. Um diese Gefahren zu minimieren, schlossen sich Pilger in Bruderschaften zusammen, die gemeinsame Reiseorganisation, geistliche Begleitung und günstigere Konditionen boten.
Im großen fanden die Wallfahrten in den Kreuzzügen statt. Die Kreuzzüge verbanden Wallfahrt mit militärischem Kreuzzug: religiöse Motivation, ritterliche Ehre, Pilger und Krieger zugleich.
Pilgerreisen nach Rom
Rom, der Sitz des Papstes, war neben Jerusalem das wichtigste Pilgerziel. Berühmte deutsche Pilger nach Rom waren Willibald von 726 bis 746, der erste englische Pilger nach Rom, Bonifatius mit mehrfachen Romreisen, sowie zahlreiche deutsche Kaiser und Könige.
Aachen und die Reliquienwallfahrten
Alle sieben Jahre fand in Aachen eine große Wallfahrt statt, bei der die Reliquien Karls des Großen gezeigt wurden. Der Ort Wilsnack in der Mark Brandenburg wurde berühmt durch das Hostienwunder von 1383 und wurde zum Wallfahrtsort deutscher und europäischer Pilger mit einem goldenen Zeitalter im 15. Jahrhundert.
Einsiedeln und der schweizerische Pilgerweg
Einsiedeln in der Schweiz wurde zu einem der bedeutendsten Pilgerorte. Die Gnadenkapelle von Einsiedeln zog Pilger aus ganz Europa an.
Wallfahrten im Islam: Der Haddsch
Bei den Mohammedanern sind noch die Wallfahrten nach Mekka und Medina gebräuchlich. Der Haddsch, die Pilgerfahrt nach Mekka, ist eine der fünf Säulen des Islam und sollte von jedem Muslim mindestens einmal im Leben unternommen werden, wenn es die Mittel erlauben. Der Hadsch ist der Pilger selbst. Die Kaaba ist das heilige Gebäude in Mekka. Der Hadschar el Assuad, der schwarze Stein, ist der wunderbare Stein, welcher in der östlichen Ecke der Kaaba im Tempelhof zu Mekka befindet.
Wallfahrten nach Loreto
Loreto in Italien bewahrt angeblich das Haus der Heiligen Familie, das von Nazareth nach Italien geflohen sein soll. Der Ort zählte zu den bedeutendsten Wallfahrtsorten.
Die Wallfahrt als Reiseerlebnis
Typische Pilgerausrüstung
Der Pilgerstab diente als Gehhilfe und Schutz. Die Muschel war das Zeichen des Jakobspilgers. Der Rosenkranz begleitete die Andacht. Der Schuhft war der Pilgerumhang. Das Täschchen enthielt Geld und Dokumente.
Pilgerherbergen
Unterwegs fanden Pilger Unterkunft in Klöstern, Pilgerherbergen, Hospizen und bei privaten Gastgebern.
Wallfahrt und Tourismus
Vom frommen Werk zur Erholungsreise
Die Wertschätzung der Reisen für Herstellung der Gesundheit ist in raschestem Wachstum begriffen. Im 19. Jahrhundert wandelte sich die Wallfahrt zur Sommerfrische: aus religiöser Motivation wurde Erholung, aus dem Pilgerweg die Ferienreise, aus der Bußfahrt die Gesundheitskur.
Moderne Pilgerwege
Im 20. und 21. Jahrhundert erleben die historischen Pilgerwege eine neue Blüte. Der Jakobsweg erlebt eine Renaissance, ebenso die Via Francigena als Pilgerweg nach Rom und der Elisabethweg.
Quellen: Brockhaus, Meyers Lexikon, ca. 1890; Stand: 2026