Geschichte der Zahnheilkunde – Von den Anfängen bis zur modernen Wissenschaft
Geschichte der Zahnheilkunde – Von den Anfängen bis zur modernen Wissenschaft
Thema: Die Entwicklung der Zahnheilkunde von der Antike bis zum 19. Jahrhundert
Die Anfänge der Zahnheilkunde
Die Zahnheilkunde, auch Zahnarzneikunst genannt, ist der Teil der Chirurgie, der sich mit der Erkennung und Heilung von Zahnkrankheiten und dem Ersatz verlorener Zähne befasst. Die Geschichte dieser Wissenschaft reicht bis in das hohe Altertum zurück.
Ägypten – Die Wiege der Zahnmedizin
Bereits zur Zeit des Herodot gab es in Ägypten eigene Zahnärzte. Die alten Ägypter verstanden sich bereits auf einfache zahnärztliche Behandlungen und die Befestigung lockerer Zähne.
Rom und die Antike
Bei den Römern finden sich bereits in den Gesetzen der Zwölf Tafeln Hinweise auf die Befestigung der Zähne durch Gold. Dies zeigt, dass die Römer bereits grundlegende Techniken der Zahnstabilisierung kannten.
Das Mittelalter – Dunkle Zeiten für die Zahnheilkunde
Im Mittelalter verschlechterte sich die Situation für die Zahnheilkunde erheblich. Die Behandlung von Zahnkrankheiten wurde fast ausschließlich von unwissenden Barbieren und marktschreierischen “Zahnbrechern” durchgeführt. Diese hatten keine medizinische Ausbildung und operierten oft unter fragwürdigen Bedingungen.
Der Aufbruch in die Wissenschaftlichkeit
Pierre Fauchard – Der Vater der modernen Zahnheilkunde
Die wissenschaftliche Bearbeitung der Zahnheilkunde beginnt im Anfang des 18. Jahrhunderts. Den entscheidenden Impuls gab Pierre Fauchard in Paris mit seinem trefflichen Werk “Le chirurgien dentiste” (1728). Dieses Werk gilt als Grundlage der modernen Zahnheilkunde und wurde später auch ins Deutsche übersetzt (Berlin 1733).
Weitere Pioniere
Nach Fauchard erwarben sich weitere verdiente Persönlichkeiten um die Entwicklung der Zahnheilkunde:
- Pierre Mouton (Frankreich)
- Lecluse (Frankreich)
- Anselme Jourdain (Frankreich)
- Bourdet (Frankreich)
- John Hunter (England)
- Tomas Berdmore (England)
- Joseph Foxe (England)
Die Franzosen und Engländer dominierten zunächst die Entwicklung der wissenschaftlichen Zahnheilkunde.
Die deutsche Zahnheilkunde
Die Pioniere in Deutschland
In Deutschland traten selbstständige Bearbeiter der Zahnheilkunde erst später hervor. Zu den bedeutendsten gehören:
- Jakob Joseph Serre in Berlin – einer der ersten bedeutenden deutschen Zahnärzte
- Georg Carabelli in Wien – bekannt für seine Beiträge zur Zahnheilkunde
- Moritz Heider in Wien – Mitgründer des Centralvereins deutscher Zahnärzte
Der Centralverein deutscher Zahnärzte
Moritz Heider gründete den Centralverein deutscher Zahnärzte – ein wichtiger Meilenstein für die Professionalisierung des Berufsstandes. Durch diese Organisation konnte die Ausbildung und Qualifikation von Zahnärzten systematisiert werden.
Die Blütezeit im 19. Jahrhundert
In neuerer Zeit gelangte die Zahnheilkunde insbesondere durch die Bemühungen deutscher und englischer Zahnärzte zu hoher Blüte. Der technische Teil erfuhr besonders durch die Amerikaner einen großartigen Aufschwung.
Ausbildung und Regulierung
Staatliche Approbation
Im Deutschen Reich erhielten nur solche Zahnärzte die staatliche Approbation, die einen zweijährigen medizinischen Kursus an der Universität sowie einen mindestens halbjährigen technischen Kursus bei einem praktischen Zahnarzt durchgemacht und die vorgeschriebene zahnärztliche Prüfung mit Erfolg bestanden hatten.
Die Zahntechniker
Da die Gewerbefreiheit jedermann gestattete, auch ohne staatliche Prüfung die Zahnheilkunde auszuüben, gab es neben den approbierten Zahnärzten noch eine große Anzahl sogenannter Zahntechniker. Diese stammten zum großen Teil aus den Heilgehilfen und befassten sich hauptsächlich mit der Anfertigung und dem Einsetzen künstlicher Zähne.
Universitäre Ausbildung
Lehrstühle für Zahnheilkunde wurden in Berlin und Leipzig errichtet. In Wien befand sich eine von Zahnärzten begründete Fachschule, die mit der Universität in Verbindung stand.
Wichtige Fachliteratur
Standardwerke des 19. Jahrhunderts
Die Entwicklung der Zahnheilkunde wurde durch zahlreiche Fachbücher vorangetrieben:
- Heider und Wedl: Atlas zur Pathologie der Zähne (2. Auflage, Leipzig 1889-93)
- Parreidt: Handbuch der Zahnersatzkunde (2. Auflage, Leipzig 1893)
- Parreidt: Kompendium der Zahnheilkunde (Leipzig 1886)
- Holländer: Die Extraktion der Zähne (3. Auflage, Leipzig 1888)
- Holländer: Das Füllen der Zähne (3. Auflage, Leipzig 1896)
- Baume: Lehrbuch der Zahnheilkunde (3. Auflage, Leipzig 1890)
- Arkövy: Diagnostik der Zahnkrankheiten (Stuttgart 1885)
- Scheff: Handbuch der Zahnheilkunde (Wien 1890)
- Miller: Lehrbuch der konservierenden Zahnheilkunde (Leipzig 1896)
- Geist-Jacobi: Geschichte der Zahnheilkunde (Tübingen 1896)
- Jung: Lehrbuch der zahnärztlichen Technik (Wien 1897)
- Holtbuer: Herbstsche Neuerungen für die zahnärztliche Praxis (Leipzig 1894)
- Metnitz: Lehrbuch der Zahnheilkunde (2. Auflage, Wien 1895)
Fachzeitschriften
Über die Fortschritte der Zahnheilkunde informierten verschiedene Fachzeitschriften:
- Deutsche Monatsschrift für Zahnheilkunde (Leipzig)
- Journal für Zahnheilkunde (Berlin)
- The Independent Practitioner (New York)
- The Dental Cosmos (Philadelphia)
Technische Innovationen
Der Cofferdam
Der Cofferdam – Kautschukblättchen, die beim Füllen eines kranken Zahnes angewandt wurden, um diesen trocken zu halten – revolutionierte die zahnärztliche Arbeit. Man fertigte ein kleines Loch in das Blättchen an, durch welches der Zahn gezogen wurde, bevor die Gummimembran um ihn herum befestigt wurde. Die Einführung des Cofferdams durch den Amerikaner Barnum bezeichnet den Anfang einer neuen Epoche in der Zahnheilkunde.
Amerikanischer Einfluss
Die Amerikaner prägten die zahnheilkundliche Entwicklung maßgeblich. Insbesondere die Entwicklung von Materialien und Techniken für Füllungen, Prothesen und zahnärztliche Instrumente wurde stark von amerikanischen Erfindungen geprägt.
Die Revolution der Schmerzbehandlung: Lachgas
Die Einführung der Lachgas-Narkose (Stickstoffoxydul) bei zahnärztlichen Eingriffen markierte einen Meilenstein in der Schmerzbehandlung. Das Gas wurde bereits 1772 von Priestley entdeckt, doch erst Wells in Hartford/Connecticut setzte es zur schmerzlosen Zahnextraktion ein. 1863 machten Colton und Porter erneut darauf aufmerksam, und 1867 brachte Evans das Gas nach Paris zur wissenschaftlichen Verwertung in der Zahnmedizin.
Die Wirkung war erstaunlich: Bereits nach 1-2 Minuten Einatmung trat Rausch und Heiterkeit ein, gefolgt von Bewusstlosigkeit. Die Narkose dauerte gewöhnlich nur 30-90 Sekunden – gerade genug für eine Zahnextraktion. Der Patient erwachte nach 1-2 Minuten ohne jede Nachwirkung.
Allerdings war die Methode nicht ungefährlich: Bei längerem Einatmen konnten “bedenkliche Erstickungszufälle” eintreten. Der französische Physiologe Bert entwickelte später eine sicherere Methode, indem er Lachgas mit Sauerstoff mischte und unter doppeltem Druck verabreichte – damit konnte er eine volle Stunde Narkose erreichen.
Die Behandlung von Zahnkrankheiten
Das Plombieren
Die Entwicklung des Plombierens stellte eine der wichtigsten Errungenschaften der modernen Zahnheilkunde dar – die Methode, kariöse Zähne zu erhalten statt sie zu ziehen.
Die Behandlung der Zahnkaries ist je nach der Ausbreitung derselben verschieden. Ist sie nicht sehr ausgebreitet und oberflächlich, so genügt es, die ergriffene Partie abzufeilen und das bloßgelegte Zahnbein glatt zu polieren.
Ist dagegen das Zahnbein schon bis zu einer gewissen Tiefe zersetzt, so muss zum Plombieren oder Ausfüllen des hohlen Zahns geschritten werden. Man entfernt sorgfältig alle kariösen Teile durch Ausschneiden oder Ausfräsen und füllt dann die Höhle mit verschiedenen Materialien:
- Gold: Die edelste und langlebigste Option
- Zinn: Eine preisgünstige Alternative
- Amalgam: Sehr haltbar und weit verbreitet
- Zahnzement: Besonders für kleinere Füllungen
- Guttapercha: Ein natürliches Material aus dem Saft des Guttaperchabaums
Wo die Pulpa sehr reizbar ist und bei jüngeren Individuen wendet man die zuletzt genannten Substanzen als Interimsfüllung an und lässt erst später die definitive Füllung mit Gold oder Zinn folgen, welche unter starkem Druck angebracht werden muss.
Das Plombieren wird aber nicht mehr ertragen oder ist selbst schädlich, wenn die Karies bereits bis zur Pulpahöhle fortgeschritten und die Pulpa erkrankt ist. In diesem Fall muss letztere geätzt und herausgezogen, der Wurzelkanal und die gereinigte Zahnhöhle aber gefüllt werden.
Wann muss ein Zahn gezogen werden?
Ausgezogen wird der Zahn nur, wenn die Kunsthilfe keinen Nutzen mehr gewährt, oder wenn die Eiterung im Zahnfach des kranken Zahns die Nachbarschaft bedroht, oder wenn die Zahnkrone der Füllung keinen Halt mehr gibt. Der behandelte Zahn ist schließlich stets zu füllen, um ihn gegen neue Schädigungen zu schützen.
Fazit
Die Geschichte der Zahnheilkunde ist eine Geschichte des Fortschritts von den primitiven Methoden der Antike über die dunklen Jahrhunderte des Mittelalters hin zur modernen Wissenschaft. Heute ist die Zahnheilkunde ein hoch spezialisiertes medizinisches Fachgebiet – doch die Wurzeln dieser Entwicklung liegen in den Pionierleistungen von Menschen wie Pierre Fauchard, Georg Carabelli und Moritz Heider.
Verwendete Quellen:
- Brockhaus (1885-1898)
- Meyers Lexikon (1885-1898)