Zahnwachs, Zahnkitt und Zahnplomben – Notlösungen für defekte Zähne

Zahnwachs, Zahnkitt und Zahnplomben – Notlösungen für defekte Zähne

Thema: Die historischen Hilfsmittel zur Behandlung von cariösen Zähnen – von Zahnwachs bis zur professionellen Plombe


Wenn der Zahn ein Loch hat – Historische Reparaturmethoden

Wenn ein Zahn durch Karies beschädigt wurde, gab es im 19. Jahrhundert verschiedene Möglichkeiten, das Loch zu füllen und den Zahn zu erhalten. Diese reichten von einfachen Hausmitteln bis hin zu professionellen zahnärztlichen Materialien.


Zahnwachs – Die einfache Notlösung

Was ist Zahnwachs?

Zahnwachs war ein einfaches, aber wirkungsvolles Mittel, um kariöse Stellen in Zähnen vorübergehend zu füllen. Es bestand aus einer Mischung verschiedener Substanzen und sollte die Ausbreitung der Karies verhindern.

Jodol-Zahnwachs

Ein besonders interessantes Rezept war das Jodol-Zahnwachs nach Dieterich. (Jodol - 15g • Flüssiges Paraffin - 10g • Terpentin - 10g • Gelbes Wachs - 65g) Das Wachs wurde mit Alkannin rot gefärbt. Zum Gebrauch knetete man das Wachs, bis es weich war, und füllte damit hohle Zähne aus. Der Jodolzusatz hatte einen wichtigen Zweck: Er sollte das Fortschreiten der Karies verhindern.

Klassisches Zahnwachs

Eine traditionelle Rezeptur bestand aus (Gelbes Wachs - 50g • Terpentin - 15g • Drachenblut (gepulvert) - 15g • Mastixpulver - 15g • Nelkenöl - 5g)

Das Wachs wurde geschmolzen, die übrigen Substanzen vorsichtig zugemischt und die Masse in federkieldicke Stäbchen gegossen. Diese konnten bei Bedarf aufgeweicht und in die kariöse Stelle eingefüllt werden.


Zahnkitt – Fester Verschluss

Mastix-Zahnkitt

Der Mastix-Zahnkitt war eine etwas festere Lösung. Mastix – ein Harz vom Mastixstrauch – wurde in Äther aufgelöst. Die Lösung ließ man absetzen und verdunstete sie im Wasserbad so weit, dass eine sirupdicke Flüssigkeit zurückblieb.

Beim Gebrauch wurden kleine Wattekügelchen mit dieser Lösung getränkt und die hohlen Zähne damit ausgefüllt. Die Masse erhärtete ziemlich rasch und haftete gut an den Zahnwänden.

Die Wirkung

Sowohl Zahnwachs als auch Zahnkitt sollten:

  1. Das Eindringen von Speiseresten verhindern
  2. Die Karies am weiteren Fortschreiten hindern
  3. Schmerzen lindern, indem sie die freiliegenden Nerven schützten
  4. Den Zahn bis zum Zahnarztbesuch funktionsfähig halten

Zahnplomben – Die professionelle Lösung

Was ist eine Plombe?

Die Zahnplombe war die professionelle Variante der Zahnnachfüllung. Anders als die einfachen Hausmittel wurden Zahnplomben vom Zahnarzt eingesetzt und sollten dauerhaft halten.

Ein Rezept für Zahnärzte

Ein Rezept für eine professionelle Zahnplombe stammte von Dr. Suerssen und bestand aus zwei Komponenten. Die erste Komponente war ein Pulver aus (Zinkoxyd - 66g • Glaspulver - 33g • Goldocker - 1g). Die zweite Komponente war eine sirupdicke Zinkchloridlösung.

Beim Gebrauch wurde ein kleines Quantum des Pulvers mit soviel Zinkchloridlösung zusammengerührt, dass eine mäßig feste Pasta entstand. Mit dieser wurden die vorher ausgetrockneten Höhlungen der Zähne rasch plombiert, da die Masse sehr bald fest wurde.

Die Chemie dahinter

Diese Zinkplomben nutzten eine chemische Reaktion: Das Zinkoxid reagierte mit der Zinkchloridlösung und bildete eine harte, haltbare Masse, die die Kavität dauerhaft verschloss.


Wann welches Mittel?

Zahnwachs und Kitt für den Notfall

Zahnwachs und Zahnkitt waren für den häuslichen Gebrauch gedacht:

  • Als vorübergehende Lösung, bis man zum Zahnarzt konnte
  • Als Notfallhilfe bei akuten Schmerzen
  • Für Menschen, die keinen Zugang zu zahnärztlicher Versorgung hatten

Die Plombe für dauerhaften Schutz

Die professionelle Plombe war die dauerhafte Lösung:

  • Sie wurde vom Zahnarzt angewendet
  • Sie war chemisch gehärtet und sehr stabil
  • Sie konnte jahrelang halten

Die Entwicklung der Füllungsmaterialien

Historische Entwicklung

Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelten sich die Füllungsmaterialien kontinuierlich weiter:

  • Amalgam: Eine Quecksilber-Silber-Legierung, die seit Jahrhunderten verwendet wurde
  • Gold: Edel und langlebig, aber teuer
  • Zinkoxid-Zement: Die Vorläufer der modernen Zementfüllungen
  • Porzellan: Als Inlays für sichtbare Bereiche

Die Bedeutung

Die Entwicklung von Füllungsmaterialien war ein wichtiger Meilenstein in der Zahnmedizin. Sie ermöglichte es, cariöse Zähne zu erhalten statt sie zu ziehen – ein großer Fortschritt für die Zahngesundheit.


Tipps aus dem 19. Jahrhundert

Was man beachten sollte

  1. Zeitnahe Behandlung: Zahnwachs und Kitt waren nur Notlösungen – ein Zahnarztbesuch sollte bald erfolgen
  2. Gründliche Reinigung: Vor dem Auftragen sollte die Kavität so gut wie möglich gereinigt werden
  3. Regelmäßiger Wechsel: Die temporären Füllungen mussten von Zeit zu Zeit erneuert werden

Vorbeugung war besser

Wie bei allen Zahnproblemen war auch hier Vorbeugung die beste Strategie:

  • Regelmäßiges Putzen
  • Vermeidung von zu viel Zucker
  • Regelmäßige Zahnarztbesuche

Fazit

Die Geschichte der Zahnfüllungen zeigt, wie Menschen schon seit Jahrhunderten versuchten, ihre Zähne zu erhalten. Von einfachen Wachsmischungen bis hin zu professionellen Zinkplomben – die Grundidee bleibt die gleiche: Den Zahn füllen, die Karies stoppen und die Funktion erhalten.

Die modernen Füllungsmaterialien haben sich seitdem stark weiterentwickelt, aber die Prinzipien sind dieselben geblieben.


Verwendete Quellen:

  • Brockhaus (1885-1898)
  • Meyers Lexikon (1885-1898)
  • Drogisten-Handbuch (1885-1898)