Zahnkrankheiten historisch – Karies, Fistel und Zahnstein
Zahnkrankheiten historisch – Karies, Fistel und Zahnstein
Thema: Die wichtigsten Zahnkrankheiten des 19. Jahrhunderts – Ursachen, Symptome und Behandlungen
Zahnkrankheiten – Eine Übersicht
Zahnkrankheiten sind Affektionen der Zähne und der mit ihnen zusammenhängenden Teile – also der Knochenhaut, die die Wurzeln umgibt, der Zahnzellen, des Zahnfleisches und anderer umliegender Gewebe. Schon im 19. Jahrhundert waren Zahnkrankheiten ein weit verbreitetes Problem, über das die Mediziner detaillierte Abhandlungen verfassten.
Zahnfäule und Zahnkaries – Die Volkskrankheit
Was ist Karies?
Die verbreitetste und wichtigste Zahnkrankheit ist die Zahnfäule, auch Zahnkaries oder Zahnverschwärung genannt. Sie besteht im Wesentlichen darin, dass die Zähne “stocken” oder hohl werden – eine von außen nach innen fortschreitende Verschwärung des Zahnbeins.
Die Ursachen
Hauptursache für Karies sind Verletzungen, Sprünge und Risse des Zahnschmelzes. Der Schmelz ist die äußere Hülle des Zahns und schützt diesen vor chemischen Einwirkungen sowie vor den Zersetzungs- und Gärungsprozessen, die beständig in der Mundhöhle stattfinden. Besonders wichtig: Der Schmelz verhindert das Eindringen von niedrigen Organismen, besonders der Leptothrix-Arten, in das Innere der Zahnsubstanz.
Karies entsteht besonders leicht durch:
- Schnell wechselnde Temperaturen (zu heiße und zu kalte Getränke und Speisen)
- Beißen auf zu harte Gegenstände
- Andere mechanische Belastungen
Sind einmal Risse und Defekte im Schmelz entstanden, kommen die sauren Mundflüssigkeiten an das Zahnbein heran. Dies führt zu einer teilweisen Entkalkung mit nachfolgender Erweichung und Verschwärung der organischen Zahnsubstanz.
Der Verlauf
Die Karies beginnt mit bräunlichen oder schwärzlichen Flecken, Grübchen und Löchern an der Zahnkrone. Allmählich führt sie zur Abbröckelung der Krone, zur Entzündung und Eröffnung der Pulpahöhle und schließlich auch zur Zerstörung der Wurzeln.
Wird die nervenreiche Pulpahöhle eröffnet, treten meist außerordentlich heftige, lebhaft bohrende oder reißende Schmerzen auf – der gefürchtete “Zahnreißen”. Allerdings geht mitunter auch der ganze Zahn verloren, ohne dass jemals ein erheblicher Schmerz vorhanden war.
Die Behandlung
Die Behandlung der Zahnfäule richtete sich nach dem Stadium der Krankheit:
Bei geringer Ausbreitung genügte es, die erkrankten Stellen einfach abzufeilen und das bloßgelegte Zahnbein glatt zu polieren.
Bei ausgedehnteren kariösen Teilen mussten diese sorgfältig durch Ausschneiden und Ausbohren entfernt werden. Die so entstandenen Höhlen wurden anschließend mit einer Plombe versehen.
Bei großer Schmerzhaftigkeit der Zahnpulpa musste zuvor der Zahnnerv durch Ätzmittel wie Chlorzink, arsenige Säure oder sogar das Glüheisen zerstört werden.
Bei weit vorgeschrittener Karies war es am zweckmäßigsten, den kranken Zahn durch Ziehen zu entfernen, um das Übergreifen des kariösen Prozesses auf die benachbarten gesunden Zähne zu verhindern.
Zahngeschwür und Zahnabszess
Was ist ein Zahngeschwür?
Eine nicht seltene Folge der Zahnkaries ist die Entzündung der Wurzelhaut, die sogenannte Periodontitis. Dabei bildet sich unter lebhaften Schmerzen im Zahnfach des Kiefers Eiter. Dieser verursacht eine schmerzhafte Anschwellung des Zahnfleisches sowie der betreffenden Gesichtshälfte.
Der Eiter durchbricht schließlich das Zahnfleisch und entleert sich in die Mundhöhle oder an die äußere Wangenfläche. Danach lassen in der Regel die Schmerzen nach. Diese Geschwulst bezeichnet man als Zahngeschwür oder Zahnabszess.
Mitunter findet sich die Geschwulst, von einem Zahn der oberen Kinnlade ausgehend, am Gaumen – dann spricht man von einem Gaumenabszess oder Gaumengeschwür.
Zahnfistel – Wenn die Eiterung chronisch wird
Was ist eine Fistel?
Wenn die Eiterabsonderung nicht versiegt, entsteht eine dauernde Zahnfistel. Dabei bildet sich zwischen der entzündeten Zahnwurzel oder dem Zahnfach und dem Zahnfleisch ein enger fistulöser Gang – die sogenannte Zahnfleischfistel. Dieser Gang entleert stets oder zeitweilig Eiter.
Die schlimmere Form: Wangenfistel
Noch schlimmer ist die sogenannte Wangen- oder Backenfistel. Sie entsteht, wenn der Eiter sich nicht nach dem Zahnfleisch entleert, sondern seinen Weg längs des Kieferknochens nimmt und schließlich an der Außenfläche des Backens hervortritt.
In solchen Fällen ist das Herausziehen des kranken Zahns unbedingt erforderlich. Geschieht es nicht, kann die Fistel Jahre, ja selbst Jahrzehnte hindurch bestehen bleiben.
Behandlung der Fistel
Zur Heilung der Zahnfistel ist das Herausziehen des kranken Zahns eine unerlässliche Voraussetzung.
Zahnstein – Der hartnäckige Belag
Was ist Zahnstein?
Ein weiteres lästiges Übel ist die Ablagerung des sogenannten Zahnsteins – fälschlicherweise auch Weinstein genannt. Er überzieht die Zähne oft als gelbe oder braune harte, steinartige Kruste.
Die Zusammensetzung
Zahnstein besteht aus einem Gemisch von kohlensaurem und phosphorsaurem Kalk, Schleim, abgestorbenen Oberhautzellen, Speiseresten und mikroskopischen Pilzen.
Die Folgen
Die Nachteile des Zahnsteins sind vielfältig:
- Das benachbarte Zahnfleisch entzündet sich leicht
- Die Entwicklung der Zahnfäule wird begünstigt
- Größere Zahnsteinmassen können direkt zum Ausfallen der Zähne und zum Schwinden der Zahnfächer führen
- Der Zahnstein bohrt sich zwischen Zahnfleisch und Wurzel und lockert so den Zusammenhang der Zähne mit den benachbarten Geweben
Die Behandlung
Größere Mengen von Zahnstein mussten vom Zahnarzt vorsichtig mit kleinen meißelartigen Instrumenten entfernt werden. Die Wiedererzeugung verhütet man am besten durch täglich sorgfältige Reinigung der Mundhöhle und regelmäßige Anwendung der Zahnbürste und eines geeigneten Zahnpulvers.
Der grüne Ansatz
Vom Zahnstein zu unterscheiden ist der grüne Ansatz, der sich oft an den oberen Schneidezähnen findet. Er besteht aus pflanzlichen Parasiten und muss ebenfalls mit scharfen Instrumenten entfernt werden, da er leicht zur Entstehung der Zahnkaries führt.
Parodontitis – Die Entzündung des Zahnhalteapparats
Was ist Parodontitis?
Die Parodontitis (historisch auch als “Zahnfleischentzündung” oder “Periodontitis” bezeichnet) ist eine Entzündung des Zahnhalteapparats. Sie betrifft nicht nur das Zahnfleisch, sondern auch den Kieferknochen und die Fasern, die den Zahn im Knochen verankern.
Ursachen
Die Parodontitis entsteht häufig aus einer unbehandelten Zahnfleischentzündung. Wenn sich Zahnstein zwischen Zahnfleisch und Wurzel einbohrt, lockert dies den Zusammenhang der Zähne mit den benachbarten Geweben. Auch andere Ursachen können eine Rolle spielen:
- Mangelnde Mundhygiene: Die häufigste Ursache
- Zahnstein: Er begünstigt die Entzündung
- Rauchen: Ein wesentlicher Risikofaktor
- Genetik: Kann eine Veranlagung geben
- Allgemeinerkrankungen: Diabetes und andere Erkrankungen
Symptome
Die Symptome einer Parodontitis umfassen:
- Zahnfleischbluten
- Schwellung und Rötung des Zahnfleisches
- Mundgeruch
- Zahnfleischrückgang
- Lockerung der Zähne
- Eiterbildung
Die Folgen
Wird die Parodontitis nicht behandelt, führt sie zu:
- Zahnfleischrückgang: Das Zahnfleisch zieht sich zurück
- Knochenverlust: Der Kieferknochen wird abgebaut
- Zahnlockerung: Die Zähne werden locker
- Zahnverlust: Im schlimmsten Fall fallen die Zähne aus
Historische Behandlung
Die Behandlung der Parodontitis im 19. Jahrhundert konzentrierte sich auf:
- Entfernung des Zahnsteins: Mit speziellen Instrumenten
- Mundhygiene: Tägliche Reinigung
- Spülungen: Mit antibakteriellen Lösungen
- Chirurgische Eingriffe: In fortgeschrittenen Fällen
Fazit
Die Zahnkrankheiten des 19. Jahrhunderts waren genauso vielfältig und problematisch wie heute. Die Mediziner jener Zeit verstanden bereits die Zusammenhänge zwischen Karies, Eiterungen und Fistelbildung. Die Behandlungen reichten vom einfachen Abfeilen und Plombieren bis hin zur Zahnextraktion. Die wichtigste Erkenntnis: Gründliche Mundhygiene ist der beste Schutz vor Zahnkrankheiten.
Verwendete Quellen:
- Brockhaus (1885-1898)
- Meyers Lexikon (1885-1898)